Der Indientripp (30. April - 3. Mai 2009)
Ich fasse hier die Eindruecke zusammen, die ich die letzten 2 Tage erlebte – es dient mir auch ein bissel als Tagebuch um nichts zu vergessen – es war alles in einem, faszinierend, erschuetternd, wunderschoen, gastfreundlich, unendlich stressig, gefaehrlich – ich wollte es nicht missen - es ist auch eine Geschichte, die erzaehlt, was man in einem Land erleben kann, was nur 3 Stunden vom ultramodernen Dubai entfernt ist...
Also, der Reihe nach – vor Wochen kam die Einladung von Pranay, einem Kollegen einer anderen Bank – Hochzeit in Kota (Rajasthan)! Von "Nie im Leben!" wurde wenigstens ein "interessiertes gucken", wo
denn das liegt – 200km von Jaipur, einem Flughafen, der laut maps.google.de rund 3 Stunden vom Ort des Geschens liegt – Airarabia (das easyjet Arabiens) bot guenstige Fluege an, also stand der Plan
bald: Flug Donnerstag Nacht, Ankunft 3 Uhr morgens in Jaipur, Autofahrt mit Fahrer dahin (dieser sollte mich die folgenden Tage permanent begleiten), den ganzen Tag bis in die Nacht Hochzeit,
weiterfahrt nach Agra (Taj Mahal), Ankunft in Jaipur Samstag Abend, etwas sightseeing, einige Stunden Schlaf und per Nachtflug 4-5.30 Uhr morgens (1.5!!! Stunden sind die uns voraus) – Sonntag frueh
wieder ins office... Da bin ich nun auch seit ca. 10.30 Uhr – und KAPUTT – hatte rund 5 Stunden Schlaf, unterteilt in 4 kurze Abschnitte...
Aber der Reihe
nach:
Fiana brachte mich zum Flughafen, es war zeitlich knapp bemessen, aber es klappte – 100% Maennerquote im Flieger, alles Gastarbeiter aus Dubai – und ich – stand in Jaipur in der Schlange, ein
Angestellter holte mich nach vorne – dabei hatte ich ein total schlechtes Gefuehl – aber diese Erfahrung machte ich durchgehend – Westler (und ich war der einzige im Flieger) werden auch gegenueber
Landsmaennern bevorzugt (man stelle sich das mal in Europa umgekehrt vor) – so kam ich zwar mit Magengrummeln, aber rasch raus, der Fahrer wartete schon – hatte nur ein paar braune Zaehne
und konnte kaum englisch – wir liefen zu seinem Tata (geht in Richtung Trabbi) und los gings – mein angedachter Schlaf auf der Fahrt fiel aus – man konnte sich nicht angurten, durchfuhr
permanent Schlagloecher und normal ist in Indien, dass man auf langsame LKWs, die alle bunt bemalt sind, auffaehrt – auf denen steht – "please horn" oder "blow horn" – dies tat mein Fahrer dann auch
zu genuege – habe 1000de seiner Huper durchgemacht – allein wenn er bremste hupte er mit dem Ellbogen automatisch – das Lenkrad war EINE Hupe... es war natuerlich Nacht – aber was ich sah war fast
beaengstigend – Slumsiedlungen durch die man mitten hindurchfaehrt (soviel zur direkten Route von maps.google – das taeuscht – enooorm – Rinder, Schafe, Wildschweine, Kamele, Pferde, alle moeglichen
Tiere liefen frei rum. Und dazwischen – direkt an der recht stark befahrenen Strasse – tausende von Leuten auf Bettrosten – anscheinend geniessen sie es mehr unter freiem Himmel zu schlafen als in
Ihren Baracken – hmmmm – Ankunft dann ca. 8 Uhr in Kota – wurde gleich von nem Freund des Braeutigams begruesst – konnte Sachen ablegen und mich etwas frisch machen – die Hochzeit fand komplett in
Guesthausnaehe statt – es roch nach Kanalisation, das Zimmer immerhin sauber – hatte eines fuer mich – die Familie schlief teilweise bis zu acht in nem Raum. Um 10 gings dann schon los mit ersten
Programmpunkten – in nem unklimatisierten Raum auf Matratzen wurde von der Brautfamilie diverses Material in bestimmter Form vom Priester zubereitet (er steht in der Kaste oben, nach ihm die Krieger,
dann die Kaufmaenner und zuletzt die Unberuehrbaren – die sind positiv ausgedrueckt Helfer, ohne Recht auf alles. Von denen gab es auch viele am Fest – sie kochten, raeumten auf... Immer mit
gesenktem Haupt. Nach einigen Pausen und Wasserangeboten die ich immer ablehnte (hatte meine Flaschen dabei) wollte ich bis zum Lunch um 14 Uhr etwas schlafen, wurde aber permanent von Verschiedenen
geweckt, die alle fragten, ob ich etwas braeuchte – nett aber keine Erholung – um 2 holte mich dann der Brautvater und 20 Haende umsorgten mich und tischten alles moegliche auf, was ich noch nie sah
– gekochte Sachen probierte ich vorsichtig und es schmeckte. Mittags dann kurzer Spatziergang in ne Halle wo 1.5 Stunden Bollywood aufgefuehrt wurde von den Gaesten, ich war auch mal auf der Buehne –
die Show... War echt schoen. Dann wieder etwas Pause bevor sich eine Art Guggemusik aufbaute – alles aermste Leute in Uniform – wie der Mann mit der Bollywoodmusikanlage leben sie von Spenden der
Gaeste – man laeuft mit Geldscheinen auf die Buehne oder zum Schieber des Musikwagens, wedelt um den Braeutigamkopf und gibt es den Leuten... So liefen wir dann los – wie ein kleiner Umzug mit
Raketen, der droehnenden Musik und wir tanzten hinter dem Wagen – der Schieber wurde abwechselnd bestochen (mit je rund 5-10 Cents) ob er laufen soll oder stehen bleiben (um mehr zu tanzen) – da gabs
sogar nen kleinen Streit drum; Leute trugen Leuchtlampen (die am Wagen angeschlossen waren) und es war alles froehlich, der Braeutigam (arrangiert hatten das alles die Brauteltern fuer den kommenden
Mann der Tochter) fuhr im schoen geschmueckten Wagen hinterher und musste manchmal raus und auch tanzen – diese 300 Meter oder so dauerten ca. 1 Stunde, teils auf einer viel befahrenen Strasse. Zum
Schluss, bevor wir zum Festplatz abbogen wurde der Braeutigam wieder besungen und auf nen Schemel gestellt – mit nem Strauch musste er ein Zeichen abwerfen. Es war das ueberall sichtbare und
beleuchtete Hakenkreuz (allerdings spiegelverkehrt), das Sonnensymbol – seltsam, gerade als Deutscher. Der Platz war praechtig geschmueckt, ca. 20 Essstaende, alles traditionell gemacht – toll
anzusehen – der Brautvater fuehrte mich auch da rum-einiges musste ich ansatzweisse probieren – hmm – ua. lagen Eisbloecke (bei 43 Grad) von Lumpen abgedeckt am Boden – per Eiscrusher wurden die
zerkleinert, mit den Haenden zu Baellen geformt, mit nem Holzstengel versehen und mit Fruchtsirup getraenkt – das Eis... oder Tandooribrot aus Steinoefen – das ich ass, weil es ungefaehrlich
schien. Ca. 500 Leute waren da – alle assen, derweil wurde dem Brautpaar ca 3 Stunden gratuliert, es wurden Fotos gemacht. Ich war dann auch mal um ca 23 Uhr dran (nach der Familie)- sagte mein
auswendig gelerntes "Shadi Mubarak" (alles gute zur Hochzeit in Hudru –einer Form des Hindu) – dann gabs wieder ein Essen nur fuer die Familie, ich durfte wieder an erster Front – 20 Helfer gaben mir
alles was es gab – ich ass quasi nichts – nur etwas Brot. Alle waren nett wie immer (richtig nett, nicht gespielt wie es uns hier in Dubai oft vorkommt) – um 12 Mitternacht sollte dann die
Priestertrauung sein, ueber 2 Stunden andauernd, allerdings auch um 2 Uhr morgens noch nicht beginnend – mit nem Freund des Braeutigams der auch in dieselbe Richtung musste (nach Delhi)
machte ich mich so auf den Weg – das war wohl auch, um mich zu schuetzen – sie nannten mich „brave“ (mutig) dass ich nachts durch Rajasthan fuhr, ich nannte es stupid (dumm). Plan waere
gewesen direkt nach Agra – da wir um 2 nachts starteten koennte man 5 Stunden nachts fahren und waere 3 weitere Stunden da – aber wegen grosser Ueberfallgefahr musste ich den Plan aendern und wir
fuhren wieder ueber Jaipur... Wir taten das – schliefen sogar 2 Stunden (Nebenbei bemerkt: Der Fahrer war fast permanent wach – und legte sich viertel vor 2 Schlafen – warum auch immer... Und
trotzdem schien er immer fit – war es ein weisses Pulver dass er hin und wieder schluckte??? Ich will es nicht wissen) – und erreichten Jaipur um 7 – kurz im Hotel eingecheckt und weiter gings – 1
Stunde Jaipur sightseeing (Eva/Adrian, leider konnte ich nur King Edwards Hall, Pink City und 2-3 Tore von aussen sehen – die Zeit war zu knapp – aber es war eindruecklich – erstmals tageslicht – und
ernuechternd – kaum ein renoviertes Haus, immer wieder Slumsiedlungen, Affen, Wildschweine usw herumrennend – Rikshas ohne Ende und ein unglaublicher Verkehr... Wahnsinn. In Jaipur platzte uns dann
noch ein Reifen, aber in 10 Minuten wechselte der Fahrer ihn – Zeit, mich auf einen der Dutzend Inder einzulassen, in ein daneben liegendes Schmuckgeschaeft zu gehen und eine Kleinigkeit fuer Fiana zu
kaufen.
Weiter gings –
9.30-14 Uhr nach Agra – teilweise eine recht neue Strasse – dann musste er seine Telefonkarte aufladen – "2 minutes" – sagte er – genug um erneut der Mittelpunkt des bunten Markttreibens in einer
verwahrlosten Siedlung zu sein – einer machte Kunststuecke mit Affen, Salto, lief im Kreis, verbeugte sich... Dafuer gab ich ihm 20 Cents – er war gluecklich, so schien es – generell muss man sagen –
es hoert sich alles furchtbar an – aber die Leute haben sich damit wohl arrangiert – es gibt nur Armut – sie haben zu Essen (Gemuese/Obst) – alles was irgendwie dazukommt ist Bonus um irgendwann mal
was zu kaufen. Aber ich sah da Autos, fuer 6 Leute angelegt – 25 waren drin, drauf, drum – unvorstellbar – und das ueber laengere Strecken – und als es weiterging – mein Fahrer ueberholte, hupte,
ueberholte – um in Agra, wo es auch so verwahrlost ist (dachte der Taj bringt etwas Geld, aber scheinbar nicht fuer die Leute. Wir lasen noch eine weitere Person auf, die mein gut englisch
sprechender Fuehrer werden sollte – er war gut, fuehrte mich 3 Stunden herum erzehlte alles um den Taj Mahal und die Geschichte darum – zudem noch ne kurze Stadttour mit Fort, ich musste fuer meine
Geschaeftskollegen Peta kaufen, eine bunte Suessigkeit die sich meine Kollegen hier wuenschten und danach bekam ich noch die Marmor/Einsetztechnik vorgefuehrt – sehr spannend, gut gemacht – allein
Agra waere die Muehen fuer mich wert gewesen – der Taj Mahal ist kleiner als vermutet aber dafuer umso aufwendiger gefertigt – 22000 Leute in 22 Jahren... Und das alles aus Liebe zu einer
Frau ;-)) – die Folgedynastie lies das Projekt des schwarzen Taj Mahal, ein Ebenbild des heutigen Originals, leider aber nur gestartet...
Der Weg zurueck war wieder 5 Stunden lang – der Fahrer uebersah eine Diversion – was heisst, dass die einspurige Fahrbahn wechselt auf 2 spurig – er wechselte nicht auf die andere Seite und so waren
wir Geisterfahrer – was ebenfalls nicht unnormal ist aber: 60 km/h fahrend, 3 Autos mit demselben Tempo entgegenkommend, der Fahrer lichtblendend und hupend wie verrueckt und im letzten Moment
rueberziehend – ich schwitzte – aber es klappte – alle sind ans Chaos gewohnt – unsereins waere verloren. Nun ja, wir kamen an, fuer noch rund 2 Stunden Schlaf von 0 – 2 Uhr und dann zum Flughafen –
Ankunft hier um 5.30 Uhr – heim, umgezogen, etwas geschlafen und dann ins office - ein etwas anderes Wochenende ging zu Ende - voller Stress und Hektik - aber wie besser kann man erfahren, was sich
auf unserem Planeten zur selben Zeit abspielt, in der wir uns eventuell ueber Belanglosigkeiten auflegen. Dieses Wochenende wird unvergesslich bleiben.
Euer Juergen